Adventskalender füllen: 23 Türchen, ein letztes Türchen 24
Kaum ist der Sommer vorbei, stehen die ersten Adventskalender schon in den Regalen. Und jedes Jahr dieselbe Frage: Was kommt in die 23 Türchen, ohne dass daraus ein Monat Schokolade und Plastikfiguren wird? Und, fast wichtiger: Was hebt man sich für das letzte Türchen auf, das erst am Heiligabend selbst aufgeht?
Die meisten gekauften Kalender beantworten die zweite Frage gar nicht erst. Sie stecken hinter jedes Türchen dieselbe Art Inhalt, ein Schokoladenstückchen oder eine kleine Figur, bis hin zum 24. Der eigentliche Trick liegt nicht darin, was 23-mal hinter einem Türchen steckt. Er liegt im Kontrast zu dem, was am letzten Tag wartet.

Woher der Adventskalender wirklich kommt
Der Adventskalender ist eine deutsche Erfindung, und jünger, als er sich anfühlt. Der Verleger Gerhard Lang wuchs selbst mit einem Kalender auf, den ihm seine Mutter bastelte: 24 Wibele-Plätzchen, auf Karton genäht, jeden Tag eines zum Abziehen. Um 1903 machte Lang aus dieser Kindheitserinnerung ein Druckerzeugnis, und 1908 erschien bei der Münchner Druckerei Reichhold & Lang der erste gedruckte Adventskalender, damals noch ohne Türchen: 24 Kästchen mit je einem kurzen Gedicht, dazu ein loses Blatt mit Bildchen zum Ausschneiden und Aufkleben (Wikipedia: Gerhard Lang). Die Türchen zum Aufreißen kamen erst Jahrzehnte später dazu. Vom genähten Plätzchen bis zur Schokolade hinter Pappe: Die Grundidee ist seit über hundert Jahren dieselbe geblieben. Die Tage zählen, und jeden davon ein bisschen besonders machen.
Warum das Zählen selbst schon das Geschenk ist
Der amerikanische Ökonom George Loewenstein veröffentlichte 1987 eine einflussreiche Arbeit über das, was er “Savoring” nannte: die Freude, die Menschen allein aus der Vorfreude auf etwas Schönes ziehen, unabhängig vom eigentlichen Moment (Loewenstein 1987, The Economic Journal). Sein Modell zeigte, dass die Zeit vor einem angenehmen Ereignis genauso viel Nutzen bringen kann wie das Ereignis selbst, manchmal sogar mehr. Dieselbe Dynamik wirkt aber auch andersherum: zu viel aufgebaute Erwartung kann in Enttäuschung kippen, ungefähr das, was passiert, wenn Türchen 23 nach drei Wochen Vorfreude einfach nur enttäuscht.
Für einen Adventskalender heißt das etwas Konkretes: Der Spaß entsteht nicht durch das Aufsummieren von 24 kleinen Geschenken. Er entsteht dadurch, dass jeden Tag etwas da ist, worauf man sich freuen kann. Ein Kalender, der hinter jedem Türchen dieselbe Art Inhalt versteckt, nutzt diese Vorfreude kaum, er wiederholt nur das Ergebnis.
Was wirklich in die 23 Türchen passt
Am besten funktioniert eine Mischung, mit einem Schwerpunkt auf etwas tun statt nur etwas bekommen:
- Ein Spaziergang an weihnachtlich beleuchteten Häusern vorbei, danach mit einer Thermoskanne Kakao
- Das Kind darf das Gutenachtlied oder die Geschichte für den Abend aussuchen
- Gemeinsam eine Kleinigkeit im Haus schmücken, eine Kugel, eine Lichterkette
- Ein altes Puzzle oder ein Comic aus der Bücherei wieder hervorholen
- Ein Witz, ein Rätsel oder ein Wortspiel auf einem Zettel
- Das Kind darf das Abendessen mitbestimmen oder beim Backen helfen
- Einen Brief oder ein Bild für Oma, Opa oder ein Freundschaftskind malen
- Einen kleinen Fotomoment, den sich das Kind selbst aussucht
Diese Art Türchen kostet wenig und nutzt sich nicht ab. Sie lässt sich außerdem leichter über einen ganzen Monat durchhalten als 23-mal die Suche nach etwas Neuem im Laden.

Warum klein oft besser wirkt als groß
Die Forscherinnen Chaplin und John begleiteten Kinder und Jugendliche zwischen acht und achtzehn Jahren und fanden, dass Materialismus mit dem Alter zunimmt, aber vor allem mit dem Selbstwertgefühl zusammenhängt: Kinder mit geringerem Selbstwert legten mehr Wert auf Besitz (Chaplin & John 2007, Journal of Consumer Research). Ihre Studie handelte nicht speziell von Adventskalendern, aber die Lehre lässt sich übertragen: Ein Kalender, der sich Tag für Tag steigern muss, größer und teurer als der vorherige, trainiert genau das Muster, das diese Studie mit einem schwächeren Selbstwertgefühl in Verbindung bringt. Klein und vorhersehbar ist kein Mangel, es ist ein Halt.
Aus demselben Grund bleibt Selbstgemachtes oft eher hängen als Geschenktes, wie wir schon einmal über den IKEA-Effekt bei selbst gemachten Geschenken geschrieben haben: Menschen schätzen Dinge systematisch höher, wenn sie selbst daran mitgewirkt haben.

Wann ein Adventskalender nicht funktioniert
Unter zwei, drei Jahren bedeutet Herunterzählen noch nichts. Der Kalender ist dann vor allem ein tägliches Ritual für die Eltern, nicht etwas, das das Kind selbst als Countdown erlebt, und das ist völlig in Ordnung, solange man nicht mehr davon erwartet. Vorsicht auch bei mehreren Kindern, die sich abwechselnd ein Türchen öffnen dürfen: Das wird schneller zur täglichen Verhandlung als zum gemeinsamen Moment. Dann funktionieren meist mehrere kleinere Kalender pro Kind besser als ein großer, um den jeden Tag gestritten wird.
Die Alternative: den Kalender umdrehen
Ein umgekehrter Adventskalender kostet nichts und funktioniert genauso gut als Ritual: Statt jeden Tag etwas zu bekommen, legt die Familie jeden Tag etwas in eine Kiste für die Tafel oder einen guten Zweck, eine Dose Suppe, eine Packung Reis, ein Paar Socken. Am 24. Dezember geht die Kiste weg. Kinder ab etwa fünf Jahren verstehen den Unterschied zwischen Bekommen und Geben sehr genau, und es ist eine gute Alternative für alle, die einfach keine Lust mehr auf einen weiteren Kalender voller Kleinigkeiten haben.
Türchen 24: etwas, das bleibt
Die 23 Türchen davor dürfen ruhig flüchtig sein, ein Plätzchen gegessen, ein Lied gehört, ein Spaziergang gemacht. Genau deshalb ist das letzte Türchen der richtige Platz für etwas, das nicht schon nach fünf Minuten wieder verschwunden ist. In Island ist Heiligabend traditionell der Abend, an dem man ein Buch bekommt und es gleich liest, Jólabókaflóð heißt diese Tradition dort. Ein Buch mit dem Namen des eigenen Kindes darin, wie auf unserer Seite zum personalisierten Kinderbuch, passt aus demselben Grund gut hinter das letzte Türchen: Es ist keine Schokolade, die um neun Uhr schon vergessen ist, sondern etwas, das nach den Weihnachtsferien noch im Regal steht.
Was den Countdown wertvoll macht
Ein Adventskalender mit 24 identischen Türchen ist eine vertane Chance. Der Kontrast macht ihn aus: 23-mal etwas Kleines, das die Wartezeit angenehm macht, und einmal etwas, das bleibt. Dieser Unterschied kostet kein zusätzliches Geld, nur ein bisschen Nachdenken im Voraus, und genau solche Details bleiben Kindern Jahre später in Erinnerung, nicht das Türchen vom 9. Dezember, sondern das Gefühl des ganzen Monats.