Ein Buch an Heiligabend: was Island uns vormacht
In Island hat Heiligabend einen festen Ablauf. Um sechs Uhr läuten die Kirchenglocken, es wird gegessen, die Geschenke werden ausgepackt, und fast immer ist ein Buch dabei. Dieses Buch wird noch am selben Abend gelesen, mit etwas Warmem zu trinken. Die Isländer haben ein Wort dafür: Jólabókaflóð, die Weihnachtsbücherflut.
Für deutsche Familien ist daran eigentlich nur eines neu. Die Bescherung am 24. Dezember kennen wir längst, anders als Briten oder Amerikaner, die bis zum Morgen des 25. warten. Was Island anders macht, ist der Teil nach dem Auspacken.

Woher die Bücherflut kommt
Der Brauch entstand rund um den Zweiten Weltkrieg. Island hatte strenge Einfuhrbeschränkungen, in den Läden gab es wenig zu verschenken. Papier war weniger betroffen als andere Waren, und so wurden Bücher das Geschenk, das man noch kaufen konnte (Wikipedia, mit Verweis auf NPR 2012).
Seit 1944 bekommt jeder isländische Haushalt im November kostenlos die Bókatíðindi, einen Katalog aller Bücher, die vor Weihnachten erscheinen. Die Verlage bringen ihre Neuerscheinungen deshalb größtenteils im Herbst heraus, weil sich das ganze Buchjahr darum dreht (Visit Iceland). Das Ergebnis: Bücher sind in Island das beliebteste Weihnachtsgeschenk des Landes.
Was am gemütlichen Bild nicht stimmt
Außerhalb Islands wird Jólabókaflóð meist als stilles Familienritual beschrieben: Decke, Kakao, ein ruhiges Haus. Das stimmt zum Teil. Kritiker weisen aber darauf hin, dass es vor allem ein Verkaufshöhepunkt ist, die umsatzstärkste Zeit der isländischen Buchbranche, und dass das gemütliche Bild vor allem das ist, was im Ausland davon ankam.
Das muss nicht abschrecken. Es macht den Brauch sogar leichter zu übernehmen: Man muss kein altes Ritual nachspielen, nur die eine Idee, die ihn lohnend macht. Ein Geschenk, das man noch am selben Abend gemeinsam nutzt.
Warum es zur deutschen Bescherung passt
Nach der Bescherung zerfällt der Abend in vielen Familien. Die Kinder verschwinden mit dem neuen Spielzeug, die Erwachsenen räumen Papier weg, und irgendwann ist es zu spät für alles. Ein Buch als letztes Geschenk des Abends kann genau diesen Moment auffangen. Ein paar Dinge, die helfen:
- Ein Buch pro Kind, nicht drei. Ein Stapel ist ein Geschenkmoment, ein Buch ist ein Lesemoment.
- Als letztes Geschenk, nicht als erstes. Das Buch soll den Abend abschließen, nicht zwischen den anderen Paketen untergehen.
- Direkt gemeinsam lesen. Kleinen Kindern liest man vor. Bei Kindern, die selbst lesen, funktioniert es genauso, wenn alle still mit dem eigenen Buch dasitzen. Für Achtjährige ist es erstaunlich besonders, dass die Erwachsenen auch lesen.
- Etwas wählen, das an einem Abend fertig wird. Kein dicker Abenteuerroman, der nach drei Seiten auf den ersten Feiertag warten muss.
Wer abends noch in die Christmette geht, legt das Lesen einfach danach. Gerade dann ist ein ruhiges Ende des Tages willkommen.

Wann es nicht passt
Nicht jedes Kind will an Heiligabend Ruhe. Nach einem langen, aufregenden Tag sind kleine Kinder oft völlig drüber, und dann wird das Vorlesen auf dem Sofa zum Kampf statt zum Abschluss. Dann lieber am ersten Feiertag, oder dieses Jahr einfach auslassen.
Für Kinder, die Lesen vor allem als Schulaufgabe erleben, kann ein Buch als Geschenk wie Hausaufgaben in Geschenkpapier wirken. Dann lieber ein Comic, ein Wimmelbuch oder etwas über ihr aktuelles Lieblingsthema, keinen Titel, der “gut für dich” ist.
Die Variante ohne Laden
Für diesen Brauch braucht es kein neues Buch. Ein Buch aus der Bücherei funktioniert genauso, oder ein altes Lieblingsbuch von dir, das du zum ersten Mal vorliest. Oder du schreibst selbst eine kurze Geschichte über das Jahr deines Kindes, mit den Dingen, die ihr zusammen erlebt habt, und liest sie vor. Das kostet einen Abend und wird oft das Buch, das am längsten aufgehoben wird.

Ein Buch über genau dieses Kind
Wer ein Buch schenken will, das zum Abend selbst gehört, kann gut eine Geschichte wählen, in der das eigene Kind die Hauptrolle spielt. Sie hat einen Anfang und ein Ende, lässt sich in einem Rutsch vorlesen, und das Kind hört seinen eigenen Namen in einer Weihnachtsgeschichte. Auf unserer Seite über ein Weihnachtsbuch mit deinem Kind in der Hauptrolle stehen Geschichten mit dem Weihnachtsmann, Rentier Nova und Elf Pip, dazu ein Buch, das wir wirklich gemacht haben.
Es muss nicht das einzige Geschenk sein. In unserem Beitrag über Weihnachtsgeschenke, die Kinder behalten geht es darum, warum ein Geschenk mit einer Geschichte oft länger bleibt als das teuerste Spielzeug. Und wer allgemeiner ein Kinderbuch als Geschenk sucht, findet dort die verschiedenen Arten zusammen.
Was bleibt
Das Schöne am isländischen Brauch ist nicht das Buch, sondern die Verabredung dahinter: ein Abend im Jahr, an dem alle lesen, zur gleichen Zeit, im selben Haus. Diese Verabredung kostet nichts und verlangt nur, dass man sie ein paar Jahre durchhält. Kinder erinnern sich selten, welches Buch sie bekommen haben. Aber sie erinnern sich, dass Heiligabend der Abend war, an dem es still wurde und alle gelesen haben.
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