Cover: Schreien lassen funktioniert nicht so, wie Sie denken — was die Forschung wirklich sagt
7. Mai 2026

Schreien lassen funktioniert nicht so, wie Sie denken — was die Forschung wirklich sagt

“Lass sie ruhig weinen, sie lernt es schon.” Einer der häufigsten und am meisten umstrittenen Schlaftipps. Nach ein paar Nächten schläft das Baby tatsächlich schneller ein. Was viele Eltern nicht wissen: Der Körper des Kindes tut das nicht, weil es sich sicher fühlt.

In diesem Artikel schauen wir uns an, was während des Schreienlassens wirklich passiert, basierend auf Forschung aus pädiatrischen Fachzeitschriften und der Bindungsliteratur.

Der Unterschied zwischen “still” und “ruhig”

2012 veröffentlichte Wendy Middlemiss mit ihrem Team an der University of North Texas eine Studie, in der Cortisol (Stresshormon) bei Babys während eines fünftägigen Schlaftrainings gemessen wurde. Das Ergebnis:

  • An Tag eins erreichte Cortisol bei Baby und Mutter Spitzenwerte. Beide waren stark gestresst. Erwartbar.
  • An Tag drei war das Baby still. Schlaftraining “erfolgreich”.
  • Aber der Cortisolwert beim Baby war genauso hoch wie an Tag eins. Die Mutter hatte sich beruhigt. Das Baby nicht.

Das Baby lernte nicht, dass die Nacht sicher ist. Es lernte, dass Weinen keine Reaktion mehr auslöst. Der Körper blieb im Alarmzustand, die äußeren Signale verschwanden.

Quelle: Middlemiss W. et al. (2012). Asynchrony of mother-infant hypothalamic-pituitary-adrenal axis activity following extinction of infant crying responses induced during the transition to sleep. Early Human Development.

Was sagt die Bindungsliteratur?

John Bowlby (britischer Kinderpsychiater) und Mary Ainsworth (kanadische Entwicklungspsychologin) bauten die Bindungstheorie auf, auf der heute fast jede pädagogische Ausbildung fußt. Einer der Kernpunkte:

“Ein Kind, das in Momenten der Not konsequent und feinfühlig beantwortet wird, entwickelt ein inneres Modell, das sagt: Ich kann mich auf andere verlassen, wenn ich sie brauche.”

Das deutsche Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sowie die Stiftung Kindergesundheit fassen es ähnlich zusammen: “Feinfühlige Responsivität im ersten Lebensjahr sagt sichere Bindung mit zwölf Monaten voraus, und diese Bindung sagt sozial-emotionales Funktionieren bis in die Jugend voraus.”

Schlaftrainings durch Schreienlassen unterbrechen diese Responsivität absichtlich. Das Baby lernt: “Manchmal antwortet jemand, manchmal nicht. Besser keine Signale mehr senden.”

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Aber meine Freundin hat es gemacht und ihr Kind schläft wunderbar

Das stimmt vermutlich. Schreienlassen führt oft kurzfristig zu einem ruhig schlafenden Kind. Die Frage ist, was darunter liegt:

  • Kurzfristig: weniger Weinen nachts, Eltern schlafen besser
  • Mittelfristig: gemischt. Manche Studien sehen keinen Unterschied, andere mehr Schlafprobleme im Kleinkindalter
  • Langfristig: schwer nachzuweisen, weil viele andere Faktoren mitspielen

Was konsequent zurückkommt: Kinder, die im ersten Lebensjahr verlässlich getröstet werden, zeigen später weniger Angststörungen und bessere Selbstregulation. Das ist kein Nebeneffekt.

Quelle: National Institute of Child Health and Human Development (NICHD), Study of Early Child Care, Längsschnittkohorte.

Was sind die Alternativen?

Ein Baby per komplettem Ignorieren zum Schlafen zu trainieren ist ein Extrem. Tags und nachts bei jedem Pieps sofort hochnehmen ist das andere. Der Mittelweg, hinter dem die meisten pädiatrischen Verbände stehen:

Schrittweises Reagieren mit abnehmender Intensität:

  • Erste Woche: bei jedem Weinen direkt danebensetzen, Hand auf die Brust
  • Danach: nur die Stimme aus der Tür
  • Danach: kurz warten (1-3 Minuten), dann reagieren, falls das Weinen anhält

Das nennt sich “Fading”. Das Kind lernt, dass die Nacht sicher ist — und Sie sind noch da.

Weitere praktische Punkte:

  • Feste Abendroutine: Bad, Mahlzeit, kurze Geschichte, Schlaflied. Vorhersehbarkeit senkt Cortisol.
  • Leichte Anwesenheit: Rücken streicheln ohne Hochnehmen klappt bei vielen Babys ab 6 Monaten.
  • Tageslicht tagsüber, dunkel abends: Der Melatonin-Rhythmus läuft ab etwa 3 Monaten an.

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Was, wenn Sie wirklich nicht mehr können?

Schlafentzug bei Eltern ist kein kleiner Faktor. Eine erschöpfte Mutter oder ein erschöpfter Vater ist weniger feinfühlig, weniger geduldig und hat ein höheres Risiko für postnatale Depression. Das ist auch schlecht für das Baby. Ein paar Überlegungen:

  • Wechseln Sie sich mit Ihrem Partner ab — nicht beide gleichzeitig erschöpft
  • Bitten Sie die Großeltern, das Baby einen Vormittag zu nehmen, schlafen Sie selbst vier Stunden
  • Sprechen Sie mit dem Kinderarzt: das Beratungsangebot ist in vielen Ländern kostenfrei und die Beratung in der Regel evidenzbasiert
  • Im Zweifel: Hausarzt oder Kinderarzt, besonders wenn es länger als 6 Wochen dauert

Eine stressige Nacht, in der ein Baby fünf Minuten weint, während Sie kurz durchatmen, zerstört keine Bindung. Wochenlanges systematisches Ignorieren ist etwas anderes.

Zum Weiterlesen

  • AAP Clinical Report on Sleep: pediatrics.aappublications.org
  • Bowlby J. (1969): Attachment and Loss (Grundlagenwerk)
  • Middlemiss W. et al. (2012): die Cortisol-Studie oben
  • Stiftung Kindergesundheit: kindergesundheit.de
  • NICHD Study of Early Child Care: Längsschnittdaten zur Responsivität

Die kurze Antwort: Schreienlassen wirkt an der Oberfläche, nicht unter der Haut. Es gibt Alternativen, die sowohl Ihre Ruhe als auch die Bindung schützen.

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